"Wenn ihr aber erkannt hättet, was das heißt: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer ..."
(Matth. 12,7)
Als eine Frau eines Tages mit ihrer Freundin im Auto unterwegs war, fiel ihr ein alter Mann auf, der am Straßenrand auf einem kleinen Tisch ein paar Eier von seinen wenigen Hühnern anbot. Das Leben hatte tiefe Spuren an ihm hinterlassen. Seine von harter Arbeit gezeichneten Hände erzählten ganze Bände. Ebenso zeugte auch sein Körper von Jahrzehnten voller Mühsal und Entbehrung – so sehr, dass er nur noch in halb gebeugter Haltung stehen konnte. Die Frau hielt an, stieg aus, stellte sich direkt vor das Tischlein und fragte: "Für wieviel verkaufst du die Eier?"
Der Verkäufer antwortete: "Ein Ei kostet 10 Cent Madame."
Da sagte sie zu ihm: "Ich werde 6 Eier für 40 Cent nehmen, oder ich werde gehen."
Der alte Mann erwiderte: "Nehmen Sie sie zum gewünschten Preis. Vielleicht ist das ein guter Anfang, weil ich heute noch kein einziges Ei verkaufen konnte."
So nahm sie voller Genugtuung die Eier, ging davon und sonnte sich – innerlich triumphierend – im Glanz ihres Stolzes, den alten Mann mit ihrer vermeintlichen Geschäftstüchtigkeit überlistet zu haben. Sie stieg in ihr schickes Auto und fuhr mit ihrer Freundin in ein nobles Restaurant. Dort bestellten sie die edelsten Speisen und Getränke. Sie aßen ein wenig ... ließen jedoch etliches von dem was sie bestellt hatten einfach stehen. Ganz in ihr Gespräch vertieft, verloren sie jedes Zeitgefühl. Als ihnen schließlich bewusst wurde wie spät es bereits war, baten sie um die Rechnung. Das Essen kostete sie 122,- Dollar. Sie gab 150,- Dollar und sagte dem Besitzer des Restaurants, er soll das Rückgeld behalten. Dies mag für ihn ziemlich normal gewesen sein, aber sehr schmerzhaft für den armen Eierverkäufer.
Manchmal frag ich mich, was bewegt den Menschen dazu, seine Macht zu zeigen wenn er von Bedürftigen kauft? Ich will mich nicht rühmen, denn oft genug hab ich selbst schon erlebt, wie schnell man in so eine Situation "reinrutschen" kann. Gerade wenn man sich in etwas ärmeren Ländern im Urlaub befindet. Du hältst einfach am Strassenrand, wo jemand vor seinem kleinen Tischchen steht um ein paar Gurken und Tomaten aus seinem Garten zu verkaufen. Wie oft dachte ich schon: "Der ist froh wenn er überhaupt was verkauft ... da kann ich mal schön feilschen."
Freunde, ich bin dem HERRN unendlich dankbar, dass ich das heute – durch ein echtes Schlüsselerlebnis der Vergangenheit – nicht mehr tue. Ganz im Gegenteil. Aus einer Erfahrung, die ich vor Jahren mal von einer Schwester hörte, blieb mir ein Satz hängen. Sie sagte: "Mein Vater kaufte von armen Leuten einfache Waren zu hohen Preisen, obwohl er sie nicht brauchte. Sehr bewegt von diesem Handeln, fragte ich ihn warum er das mache?"
Dann antwortete er:
"Es ist Barmherzigkeit verpackt in Würde, mein Kind."
Warum werden wir geizig bei denen, die unsere Großzügigkeit brauchen ... und großzügig bei denen, die unsere Freigebigkeit nicht brauchen?
Mögen auch wir lernen, was es heißt Barmherzigkeit zu praktizieren. In einer Welt die zunehmend von Egoismus, Habgier und Selbstsucht geprägt ist, stumpft der Mensch immer mehr ab, frei nach dem Motto: "Was geht mich mein Nächster an?"
Möge der HERR uns die Augen für die Not und das Leid unserer Mitmenschen öffnen, damit wir wahrhaftig zum Segen werden können. Denn wie lehrte es unser Heiland so schön: "Geben ist seliger als nehmen." (Apg. 20,35)
Und DAS, sind gewiss keine leeren Worte. Der HERR wird mit seinem Segen nicht hinterm Berg halten, wenn wir sein Wort beherzigen und tun. Durch mein Schlüsselerlebnis (Urlaub in Rumänien) vor einigen Jahren, kann ich dir eines gewiss bezeugen: Die schönste Freude besteht darin, die Freude eines anderen zu sehen – und sich aufrichtig mit ihm zu freuen.
Möge der HERR uns dabei helfen.